Nach dem Aufwachen geht der erste Blick aus dem Fenster. Wie ist das Wetter? Regnet es mal wieder, wie stark ist der Wind? Dann ein Blick in die Wetter-App YR vom Norwegischen Wetterdienst. Wie ist die Vorhersage für die nächsten Stunden? Wie und wo ziehen die Regenwolken? Es ist zwar leicht bewölkt, aber es regnet nicht und auch der Wind hat sich gelegt. Auch die Vorhersage verspricht ein paar regenfreie Stunden. Das ist auch gut so, denn heute morgen fahren wir zurück nach Honningsvåg um den Bus nach Olderfjord zu nehmen.
Der Bus fährt um 12:15 Uhr. Ich schätze wir brauchen für die Strecke etwa zwei Stunden, es sind doch einige Höhenmeter zu bewältigen und die Anstiege sind zum Teil so steil, daß Sabine wird schieben müssen. Also planen wir die Abfahrt für 9:00 Uhr – immer etwas Puffer für unvorhergesehene Ereignisse wie platte Reifen einplanen!
Der Wecker klingelt um 7:30 Uhr und wir starten unser Morgendliches Ritual: Taschen packen und am Rad anbringen. Um kurz nach 9 sind wir unterwegs und es geht fast direkt in den ersten Anstieg. Nach zwei Tagen ohne Radfahren fühlt es sich zunächst merkwürdig an. Aber meine Beine erinnern sich relativ schnell daran, was sie zu tun haben und so kurbel ich mich nach oben.

Auf einem Parkplatz lerne ich Andrea und ihren Mann kennen. Sie falten gerade eine große Decke zusammen, was mich zur Bemerkung veranlasst, dass sie das ganz ordentlich machen. Offensichtlich verstehen sie meinen Humor und wir kommen ins Gespräch. Es kommt die übliche Frage nach dem Woher und Wohin und natürlich bewundernde Bemerkungen über die vollbrachte Leistung. Das geht jedes Mal runter wie Öl, auch wenn ich es immer etwas herunter spiele.
Die beiden haben in ihrem alten Volvo übernachtet. Der Wagen hat schon ein „H“-Kennzeichen und hat es trotzdem aus der Nähe von Travemünde bis zum Nordkap geschafft. Als Sabine schließlich auch ankommt, Frage ich die beiden, ob sie einen Garten haben in dem wir vielleicht unser Zelt aufstellen können, wenn wir auf dem Rückweg sind. Wir planen ja mit der Fähre nach Travemünde wieder in Deutschland anzukommen. Einen Garten haben sie nicht, aber eine Ferienwohnung – wir sollen uns melden, wenn wir wissen wann wir in Travemünde ankommen. Vielleicht haben wir ja Glück und die Wohnung ist frei…
Nach ca. 1:40h sind wir in Honningsvåg. Da bleibt uns noch genug Zeit um in das kleine französische Café „Honni Bakes“ zu gehen. Das Café wurde auf den Hurtigruten angepriesen und ist im Gegensatz zum Restaurant von gestern Abend eine echte Empfehlung! Ein kleines Stück Frankreich ganz weit im Norden von Norwegen mit echten Croissants, Pain-au-Chocolat und Zitronentörtchen mit Meringue. Auch der Kaffee schmeckt wie in Frankreich. Nur das Wetter ist nicht wie in Frankreich – es hat wieder angefangen zu regnen…

An der Bushaltestelle stehen schon drei weitere Radreisende. Das Paar, dass auf dem Hytte Camp in den ersten beiden Nächten die andere Hälfte der Doppelhauscampinghütte bewohnt hat, ist auch dabei. Als der Bus kommt, puzzeln wir die 5 fünf Räder in den Frachtraum und dann geht es los.
Auf der Strecke bis Olderfjord sind in beide Richtungen einige Radreisende unterwegs. Es ist zwar trocken, aber wir beneiden sie nicht, vor allem nicht wegen der Tunnel und dem doch relativ starken Verkehr auf der eher engen Straße. Apropos Tunnel, der berüchtigte Nordkap-Tunnel sieht aus dem Busfenster betrachtet gar nicht so schlimm aus. Natürlich weiß ich, dass das täuscht und durchfahren möchte ich ihn trotzdem nicht…
Die Strecke nach Olderfjord legen wir in knapp zwei Stunden zurück. Auf dem Rad wäre das eine Tagesetappe für uns gewesen. Nachdem wir die Räder aus dem Bus geholt haben, prüfen wir ob wir alles haben. Alle Taschen sind da und die Spiegel hatten wir vorher schon vorsorglich abgemacht. Nachdem alle Taschen wieder an den Rädern sind und wir beide auf der Toilette waren, geht es weiter mit dem Rad nach Lakselv.
Wir fahren wieder auf der E6, zuerst Richtung Osten und uns bläst ein kalter Wind entgegen. Erst als wir nach Süden abdrehen und tiefer in den Porsangerfjord fahren, lässt der Wind nach bzw. kommt von der Seite. Die Landschaft ist auch heute wieder sehenswert. Links der Fjord, rechts die Berge, die teilweise recht nah an die Straße heran reichen. So richtig bewundern können wir das aber nicht, denn es ist immer noch kalt. Und natürlich kommt irgendwann auch wieder Regen dazu. Sabine ist demotiviert und kommt nicht so richtig vom Fleck.


An einem Supermarkt ungefähr auf halber Strecke machen wir Pause und essen eine Kleinigkeit. Sabine ist kalt und eigentlich hat sie keine Lust mehr weiter zu fahren. Die Sonne, die eben kurz geschienen und gewärmt hat, ist schon wieder hinter Wolken verschwunden. Und da wir es heute noch bis Lakselv schaffen wollen fahren wir weiter.
Nach ein paar Kilometern macht sich mein Bauch unangenehm bemerkbar. Ich sehne mir eine Toilette herbei, aber die nächste Toilette scheint es erst auf einem Campingplatz in ca. 10km Entfernung zu geben. Ich versuche den Bauch zu ignorieren und fahre so schnell es das Grummeln im Bauch und die Strecke zulässt weiter. Kurz vor dem Campingplatz gibt es noch eine Tourist Info, schnell biege ich ab, lasse das Rad unabgeschlossen stehen und suche die Toilette auf. Gefühlt keine Sekunde zu spät…


Als ich erleichtert wieder raus komme ist auch Sabine angekommen. Sie nutzt die Gelegenheit auch noch und dann machen wir uns auf die letzten 10km des Tages. Next Stop: Supermarkt. Bis Sabine kommt, habe ich schon fast alle Einkäufe erledigt. Sie sucht sich noch ein paar Nüsse zum knabbern und dann geht es weiter zum Campingplatz, der etwas außerhalb von Lakselv liegt. Wir wollen es nochmal mit dem Zelt probieren. Der Platz hat schöne Duschen und eine große Küche in der wir unser Abendessen zubereiten können.
Beim Essen diskutieren wir wie es weiter geht mit unserer Reise. Nachdem es heute doch wieder geregnet hat und sich auch für die nächsten Tage ein neues Regengebiet ankündigt buchen wir erst einmal eine Hütte auf dem Campingplatz in Karasjok und schauen vorsorglich nach den Möglichkeiten mit dem Bus nach Karasjok zu fahren.
Im Zelt muss ich noch meine Schlafstätte fertig machen. Als Sabine Duschen war, hatte ich mich noch um ihr Rad gekümmert und nach den Bremsbelägen und der Schaltung gesehen. Das quietschen an der Bremse konnte ich ohne Wechsel der Beläge lösen, für die Schaltung ist wohl langsam doch eine neue Kassette notwendig. Ich habe gerade meine Matte aufgepumpt, da kommt von Sabine schon ein leises Schnarchen. Es war heute aber auch ein langer und anstrengender Tag. Mal sehen wie es morgen weiter geht…